Ichgrenzstärkung für Therapeuten, Berater und Menschen in sozialen Berufen

Die psychisch-seelische Grenze bestimmt unser Leben. Sie entscheidet über unser tägliches Wohlbefinden. Sie beeinflusst unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung, sowie unsere Fähigkeit zur Achtsamkeit. Sie schenkt uns eine innere Geborgenheit.

 

Für Menschen in beratenden/therapeutischen/pflegenden Berufen ist eine intakte Ichgrenze von essentieller Bedeutung: tagtäglich mit den Bedürfnissen und Gefühlen fremder Menschen in Kontakt zu sein, erfordert ein hohes Maß an Bewusstheit was zu einem selbst gehört, was in einem ausgelöst wird durch Mitmenschen und was Fremdes ist. Menschen in sozialen Berufen tendieren oft dazu ihrer Mitmenschen Leid abzunehmen und zu tragen. Dies ist für keine der beteiligten Personen von Nutzen. Eine tägliche Pflege als psychohygienische Maßnahme des eigenen Innenraumes ist daher unerlesslich für eine gesunde und stabile psychische Gesundheit.

Eines meiner Lieblingsbeispiele um die Tragweite dieses Modells zu unterstreichen ist folgendes:

In diesem Modell unterscheiden wir ganz konkret zwischen Mitfühlen und Einfühlen. Es sind zwei vollkommen unterschiedliche Qualitäten. Beim Einfühlen befinden wir uns im fremden Innenraum unseres Mitmenschen. Hier können wir alles was diesen Menschen ausmacht, miterfahren und sehen.

Wenn wir uns hingegen in unserem eigenen Innenraum aufhalten - erkennbar durch eine achtsame, leibliche Innenschau und Wahrnehmung - nehmen wir unseren Mitmenschen, der sich ebenfalls in seinem Innenraum aufhält, über die Resonanzfähigkeit unseres Körpers wahr. Es wird dabei also unser eigenes Gefühl in Schwingung gebracht, welches im Gegenüber in Moment lebendig ist und in uns Resonanz erzeugt. Wir sind uns dessen bewusst, dass es unser Gefühl ist.

So können wir in Verbundenheit mit uns selbst UND dem anderen gleichzeitig sein ohne uns verlassen zu müssen!

Noch etwas: Einfühlen unterscheidet sich vom Mitfühlen maßgeblich davon, dass es ANSTRENGEND ist. Wenn Du Dich nach einem Arbeitstag mit vielen Menschenbegegnungen (KlientInnen, KundInnen, zu Pflegende, etc. ) ausgelaugt und müde fühlst, dann deutet das ziemlich sicher darauf hin, dass Du Dich eingefühlt hast.

Das muss nicht so sein!

Wenn wir lernen mehr bei uns zu sein, können wir auch zwischendurch auftanken und Kraft schöpfen. Dies geschieht in unserem eigenen Innenraum.

Und wenn das nur schwer möglich ist, liegt es höchstwahrscheinlich darin, dass es etwas in im eigenen Innenraum gibt, das zu schwer, zu schmerzhaft, zu dunkel ist und wir deshalb den Kontakt mit uns selbst vermeiden (müssen).

Im eigenen Innenraum schöpfen wir Kraft und nehmen mögliche Grenzverletzungen wahr.

In der Auseinandersetzung mit der Fähigkeit uns freundlich und bestimmt abzugrenzen beschäftigen wir uns mit folgenden Fragen:

  • Wie können wir mehr Einsicht erhalten in dieses komplexe Zusammenspiel?

  • Wie können wir ein Bewusstsein entwickeln für die eigene Grenze und  unser eigenes Grenzverhalten?

  • Wie können wir unsere Grenze resp. unsere Grenzfunktionen optimieren und an unsere jetzige Lebenssituation best möglichst anpassen?

  • Welchen Einfluss hat unsere jetzige Grenze auf unseren zwischenmenschlichen Austausch, auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung, auf unsere Beziehungen und auf unsere Sozialisation?

  • Kann eine Grenzumgestaltung zur Änderung von Verhaltensmustern oder sogar zur Heilung von psychischen Störungen beitragen?

Diese Fragen gehen die Forscherinnen und Forscher im "Centre for apllied Boundary Studies" nach. Zudem soll der Schutz vor/und Vermeidung von Grenzverletzungen und unerwünschten Grenzüberschreitungen, sowie Grenzrespektierung und Grenzbildung untersucht und diesbezügliches Wissen weitergegeben werden.

Die selben Fragen beschäftigen auch uns in unserer Zusammenarbeit bzw. gibt es bereits Methoden um diese zu erforschen.

Jeder Mensch besitzt von Geburt an diese eigene Innenwelt, die all unsere Gefühle, Bilder, Ansichten, Erfahrungen, Aufgaben und Verantwortungen beinhaltet. Um diese Innenwelt existiert eine Grenze, die sich im Laufe der Kindeheit und Jugend erst entwickelt. Die sogenannte "Ich-Grenze", die Umfriedung unseres Innenraums zur Außenwelt.

Wir sind verpflichtet diesen inneren seelischen Raum, dieses Königreich, zu pflegen und zu hüten. Wie einen Garten können wir Blumen zum Blühen bringen oder Pflanzen und Bereiche des Gartens sich selbst überlassen die damit verwildern werden. Die mögliche Folge? In diesem Abschnitt des Gartens werden wir uns weniger wohlfühlen und wahrscheinlich das Betreten dessen vermeiden. In diesem Bild stehen die Blumen und Pflanzen symbolisch für die Elemente in unserem Innenraum.

Bei manchen löst das Wort/das Bild einer "GRENZE" bereits Unbehagen aus weil die Assoziation mit Abgetrenntsein, Alleinsein, Einsamkeit, Unverbundheit und anderes Unangenehmes, auslöst. In der Arbeit mit dem 3-D- Modell der achtsamkeitsbasierten Ichgrenze wird allerdings deutlich, dass genau das GEGENTEIL der Fall ist: erst durch eine intakte Ichgrenze können wir wirklich in Verbindung und in gesunde Beziehung mit unseren Mitmenschen gehen.

Leider ist es uns nicht allen vergönnt eine durchgehende, funktionierende Ich-Grenze entwickelt zu haben. Dies können wir nachholen.

"Ich möchte wissen, ob du mit dir selbst allein sein kannst und in den leeren Momenten wirklich gern mit Dir selbst zusammen bist."

 

Oriah Mountain Dreamer

"Die Reise nach innen ist nicht die Reise in eine totale Subjektivität, eine Abtrennung von der Außenwelt, sondern die Reise in die Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber. Ich glaube, dass die Nöte der Welt an vielen Stellen von einem Vernachlässigen der Innenwelt des Einzelnen stammen. Wo es einer Gewalt um uns gelingt, uns von uns selbst wegzuführen und uns einzubauen in das System einer uns fremden Lebensform, da wirken wir nicht als Korrektiv, sondern als ausführender Arm einer anderen Gewalt."                                                        Ulrich Schaffer

SICH KLAR UND DEUTLICH ABGRENZEN SORGT FÜR KLARHEIT IN ZWISCHENMENSCHLICHEN BEZIEHUNGEN DIE ALLEN DIENT.

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 Ist es uns durch fördernde Umstände

gelungen eine intakte Grenze zu

errichten und wurden uns keine fremden

und schweren Gefühle in unsere

Innenwelt platziert, werden wir uns frei

und sicher in unserer psychisch-seelischen

Innenraum fühlen.

Wir werden gut bei uns sein können, uns entspannen, mit unseren Gefühlen und Wünschen verbunden sein und ein gesundes Abgrenzungsvermögen beherrschen.

Wahrscheinlich werden wir auch keine fremden Aufgaben übernehmen wenn wir das nicht wollen und mit einem freundlichen Nein dafür sorgen können.

Dr. Klaus Blaser